Kalender der Kulturen

Heute vor 80 Jahren: Beginn der „Kinderlandverschickung“ im Zweiten Weltkrieg (3.10.1940)

Die Bezeichnung Kinderlandverschickung wurde vor dem Zweiten Weltkrieg ausschließlich für die Erholungsverschickung von Kindern verwendet. Heute wird unter diesem Stichwort meist an die Erweiterte Kinderlandverschickung gedacht, bei der ab Oktober 1940 10- bis 14-jährige Schulkinder aus vom Luftkrieg bedrohten Städten längerfristig in weniger gefährdeten Gebieten untergebracht wurden. Größe, Ausstattung und Beschulung der Kinderlager waren sehr verschieden, auch die Akzeptanz bei den Eltern und Kindern. Am Ende des mehrmonatigen Aufenthaltes stellten die Lehrer „Leistungsbescheinigungen“ aus. Anstelle von Ferien und Heimreisen zu den Eltern gab es eine mehrwöchige unterrichtsfreie Zeit im Lager. Seitens der Reichsjugendführung waren die Lager auch als Erziehungsort im nationalsozialistischen Sinn gedacht. Über das Ende der Kinderlager mag eine Quelle aus der nahen Rückschau mehr aussagen als jeder Erklärtext. In Bayern sah es 1945 so aus: „Beim Zusammenbruch hatten die HJ-Führer Dienststellen und KiLaV-Lager fluchtartig verlassen und alle Unterlagen vernichtet (s. Geheimbefehl vom 21. April 1945). Die Lager waren auf sich selbst gestellt, bis der [im Mai von der US-Militärregierung in Bayern eingesetzte] Landesbeauftragte F. X. Hartmann eingriff. Zu diesem Zeitpunkt (Mai 1945) waren über 60.000 Kinder mit ihren Lehrern aus evakuierten Schulen in Bayern: Von der britischen Zone aus Westfalen, Rheinland, Hamburg, Bremen; von der russischen Zone aus Thüringen, Schlesien, Ostpreußen; aus Berlin; aus Österreich, Volksdeutsche aus der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Polen, Ungarn und Südtirol. Die aus München stammenden Schulen faßten zum größten Teil den Entschluß, noch vor der Besetzung die Heimkehr durchzuführen; auch einzeln und von den Eltern geholt kamen sie in München an. Der Nürnberger Stud.-Prof. Dr. Eberlein hatte schon Ende Januar 1945 die Kinder aus den sudetendeutschen Lagern zurückgebracht. Für alle anderen Schulen versuchte der Landesbeauftragte sofort Heimkehrmöglichkeiten zu schaffen; bis zur Rückkehr der Kinder mußten die Heime weiterhin versorgt werden. Durch die vollkommene Verkehrssperre war die Verbindung zu den Heimatorten vorerst unmöglich. Doch stellte man Standort- und Zielortlisten auf und erkundete, ob in den Heimatbezirken die Aufnahme bereits möglich sei. Verschiedene Eltern hatten sich auf Grund von Gerüchten aus Norddeutschland in abenteuerlicher Fahrt bis in die oberbayerischen Schulheime durchgeschlagen, um ihre Kinder zu holen.“ Franz Gottschaller, zitiert in:Guthmann, Johannes: Ein Jahrhundert Standes- und Vereinsgeschichte. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverein. Seine Geschichte. Band 2, München: Oldenbourg-Verlag, 1961, S. 335.